Licht und Gegenlicht

Betrachtungen zur Doppelbildserie „Youth“ von Daniel Mayer (Studio) und Lion Mayer (Location)

Text : Sool Park


1. Es ist als wollte er lieber gar kein Gesicht zeigen, wie er auf der Treppe steht. Der Blick ist vollkommen nach innen gerichtet. Das riesige Gewölbe aus Beton im Hintergrund wirkt wie seine innere Welt, die massiv und verdunkelnd auf ihn lastet, eine übergroße Gedankenblase. Es ist nicht Müdigkeit, sondern Unwille in seinen Augen. Vielleicht Unwille gegen das, was von ihm verlangt wird, auf jeden Fall aber Unwille, mit der eigenen Innenwelt zu brechen, um nach draußen zu gelangen. Auf dem nächsten Bild schlüpft er dann wirklich aus einer weißen Hülle – gleichsam aus einem Ei – etwas, was er jeden Morgen und Abend übt. Diese Übung sieht denkbar unnatürlich aus, nicht gezwungen, aber doch nicht freiwillig. Seine Bewegung hat etwas eigentümlich Passives, obwohl niemand als er selbst diese Bewegung vollzieht. Jungsein ist eine Bürde. Er hat ein fast unsichtbares Lächeln auf den Lippen: Es ist ein Sisyphos-Lächeln.

2. Sein Mund ist genauso fest verschlossen wie die Tür, die den Hintergrund bildet; seine Haltung ähnlich stählern. Der auffallend weiche Stoff, den er trägt, kann die Härte nicht verbergen, die sein Wesen jetzt bestimmt. Der Zuschauer wird durch seinen Blick gebohrt, denn er fühlt sich von seinem Blick ebenso durchbohrt. Es ist ein Panzer, den er täglich tragen muss; wären da nicht die wenigen Löcher (wie auf der Tür übrigens auch), würde er vielleicht ersticken. Im Studio wird dieser Eindruck intensiviert: Sein Panzer wird nicht gebrochen, sondern um vielfaches verstärkt. Er trotzt dem Licht, dass es ihn nicht auseinandernimmt. Er sammelt sich, hält sich mit Gewalt zusammen; muss stets wachen, dass niemand hineinkommt. Die Unreinheiten auf dem Gesicht, die kleinen Flammen gleichen, deuten auf die Anstrengung dieser Arbeit hin.

3. Seine schlanke, fast kindliche Statur trügt. Die lockere Haltung, das lange blonde Haar ist vielmehr Ausdruck seiner Souveränität. Er zeigt demonstrativ die Instrumente seiner Herrlichkeit: ein altes Taschenmesser, ein mehr als überholtes elektronisches Gerät (ist das ein Walkman?) – ihr rein dekorativer Charakter ist sofort einsichtig. Selbst das kleine Loch in der Hose scheint nicht aus Zufall, sondern mit größter Sorgfalt dort hingebracht worden zu sein. Alles hat seinen Platz, ohne dass es jedoch das spielerische Element verliert. Im Studio will er aber absolut keine Schwäche zeigen, das lustige Symbolapparat wird eingesteckt, der Kopf komplett bedeckt, das goldene Haar, das etwa als weiblich auffallen könnte, ist ebenfalls verschwunden. Es ist sein Erwachsenen-Gesicht, eine glatte Maske, die er jetzt schon beherrscht.

4. Das einzige Foto mit einem lebendigen, natürlichen Hintergrund. Er ist es auch, der der Kindheit, dem Naturzustand, am nächsten steht. Wie das grüne Gewächs schon ein Paar rote Blätter trägt, weil es schon unwiderruflich herbstet, so hält er auch eine Zigarette im Mund, das erste Anzeichen des einbrechenden Erwachsenenalters. Seine kindlich-reine Haut jedoch verrät die noch ungebrochene Jugendlichkeit, ebenso die untrügliche Röte an den Backen. Der Hang zur Selbstinszenierung steht zwar auch hier im Vordergrund, aber in einer verblüffend harmlosen Weise. Die Selbstdarstellung wirkt ornamental, oder richtiger: Wie ein Spielzeug. Das strahlende Gesicht im Studio-Bild bestätigt diesen Eindruck nun vollends. In diesem Erscheinungsbild ist keine Spur von „Spannungsverhältnis“, das die Jugendzeit oft so tief dominiert. Die Aufschrift auf seinem T-Shirt („Enemy“) lesen wir daher mehr als einen Appell an etwas, das vermisst wird.

5. Die Jugend vor die Kamera zu stellen ist ein prekäres Unternehmen. Denn kein anderer „Gegenstand“ der Fotografie ist so sehr der Wandlung unterworfen, keine andere Bevölkerungsgruppe hat derart problematisches Verhältnis zum eigenen Selbstbild. Den beiden Fotografen gelingt dieses schwierige Vorhaben aus zwei Gründen. Lion Mayer ist ein Teil der dargestellten Realität und gewissermaßen der Undercover-Beobachter, der von seiner Erfahrungswelt berichten kann, ohne dass sein Blick das ohnehin wandelbare Objekt entstellt. Dabei muss er sich von seiner eigenen Jugend abstrahieren, und sie gleichzeitig als konstitutives Element für seinen Blick zulassen. Diese innere Arbeitsteilung resultiert einerseits in eine äußerst homogene Objektwahl (alle Porträtierten sind gleichen Alters und Geschlechts) sowie ein neutrales Format, vor deren Hintergrund das charakteristisch-ästhetische Moment dieser Menschen hervortreten kann. Andererseits bildet aber seine eigene Jugend einen blinden Fleck: Die Jugend kann sich selbst nicht vollkommen begreifen. Daher verbleibt ein großer Überschuss an Ungesehenem, an Deutungspotenzial. Der fotografische Blick Daniel Mayers unternimmt genau hier eine Gesamtdeutung des Phänomens. Das reine, differenzierende Licht im Studio beseitigt Zweifel, räumt Ungewissheiten aus. Der Kamerablick ist unmenschlich-mächtig, weil er genau das zerlegt, das zu trennen Menschen oft Jahre bei sich brauchen. Das verworrene Dunkel wird in einem Bruchteil von Sekunde aufgehellt, wie durch einen Blitz wird eine Jugend zu ihrem Ende, zu einem sinnhaften Abschluss geführt; Das durch die fotografische Entdeckung entborgene Gesicht ist bald das eines Kindes, das niemals erwachsen kann; bald das eines Greisen, das schon zu viel gesehen hat und ermüdet ist; oder aber entdeckt man eine ungekannte Tiefe, die kein Alter und kein Erwachsen kennt. Durch diese doppelte Arbeit, die an beiden Enden einer unendlichen Geschichte geleistet wird, transzendiert unser Jugendverständnis das bloß biologische Phänomen der Pubertät. Unser bisheriges Verständnis formt sich zu einer neuen Frage um, die sich nun auf das Unbegreifliche des Menschseins richtet, welches zu lichten kein Blitz stark genug ist. Und diese Frage ist ewig, wie das Prinzip alles Lebendigen, die Jugend, ist und bleibt.

Jan

Nicki

Luciano

Linus

Nicholas

Pat

Paul

Leon

Clemens

Leo

Moubi

Luis

Chad

Oscar-David

Moe

Youth Installation view